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Rede vom 22.01.2003 Zenit Mülheim
PISA ohne Folgen
Rede: PISA ohne Folgen - Qualität für Bildung und Forschung schaffen
Anfang Dezember 2002 begingen wir ein seltsames Jubiläum: ein Jahr ist es nun her, dass die internationale Bildungsstudie PISA (OECD Programme on International Student Assessment) erschienen und in Deutschland heftige Debatten ausgelöst hat.
"Reden über Angelegenheiten, die durch Reden nicht entschieden werden können, muss man sich abgewöhnen." (Brecht)
Wir haben uns an diesen weisen Rat einmal wieder nicht gehalten: 3 Bundestagsdebatten, unzählige Länderparlamentsdebatten ohne große Wirkung, aber und die nächste PISA-Studie unmittelbar vor der Tür. Deutschland hat gezuckt, aber nicht geruckt!
Zur Erinnerung noch einmal die drei Kernaussagen der Untersuchung:
- Deutschland liegt bei den Grundfertigkeiten im Lesen, vor allem beim Leseverständnis, aber auch im Rechnen, weit hinten. (Mexiko) Die Spannweite zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern ist in Deutschland besonders hoch.
- Deutschland hat insbesondere bei der vorschulischen Bildung und in den Grundschulen erheblichen Nachholbedarf.
- In Deutschland gelingt die Integration von Schülern aus bildungsfernen Schichten (Migranten, aber auch deutsche Kinder) deutlich schlechter als anderen Ländern.
Für NRW war PISA keine Überraschung. Wir wissen seit langem, dass unsere Kinder einen äußerst mittelmäßigen Unterricht genießen.
- Die NRW-Schüler liegen in der Summe aller drei Kernkompetenzbereiche Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften auf einem mittleren Tabellenplatz in einer international zweitklassigen Liga.
- Das schlechte Abschneiden der NRW-Schüler im Bereich der Naturwissenschaften kann kaum verwundern, wenn man bedenkt, dass 22% des Biologieunterrichtes, 31% des Physikunterrichtes und 33,2 % des Chemieunterrichtes ausfällt oder fachfremd erteilt wird.
- Fast 30 % aller Schüler in NRW bilden die Risikogruppe, die aufgrund ihrer gravierenden Kenntnismängel im Beruf wie im späteren Leben zu scheitern droht.
In NRW ist die Spannweite zwischen leistungsstarken und leistungsschwächeren Schülern besonders groß und in kaum einem anderen Land ist die soziale Herkunft so vorherbestimmend für die Bildungschancen und für den Lernerfolg der Schüler, wie in NRW.
II.
Jammern ist eine Lieblingstugend der Deutschen. Das war auch dieses Mal unsere 1. Reaktion. Dem folgte der übliche Versuch, die Ergebnisse klein zu reden und natürlich der edle Streit um die schlichte Tatsache, welches Land nun das Beste der Schlechten sein würde.
Nach dem Verziehen der Gefechtswolken kann man zwar keine Besserung der Schulsituation erkennen, aber zumindest eine weitgehende Übereinstimmung in den Ursachen unserer Defiziten:
- Deutschland vertändelt die beste Zeit seiner Kinder: Die vorschulische Erziehung in den Kindergärten und Kindertagesstätten hat keinen Bildungsauftrag. Wir betreuen, wir bilden nicht.
- Dies ist vor dem Hintergrund einer zunehmenden Erziehungsflucht der Eltern katastrophal.
- Die Grundschulen werden im Hinblick auf Mittel und Personalausstattung vernachlässigt. Eine individuelle Förderung der Kinder ist kaum möglich.
- Die Leistungsanforderungen in unseren Schulen sind höchst unterschiedlich. Leistungen werden in nur wenigen Ländern extern überprüft.
- Die Ausbildung unserer Lehrer findet unheitlich (42 verschiedene Formen) und nach wie vor praxisfern statt. Weiterbildung ist kein Zwang sondern freiwillige Leistung.
Auch ohne PISA erleben wir alle täglich die Folgen dieser Defizite:
Jeder, der einen Betrieb leitet, weiß, wie schwer es ist, heute ausbildungsfähige Jugendliche zu finden, weil man eben nicht davon ausgehen kann, dass Lesen, Schreiben und Rechnen fließend beherrscht werden. (modulare Ausbildung) Deshalb ist es nur eine Seite der Medaille, wenn G. Schröder die Wirtschaft auffordert, Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Die andere Seite ist - neben allen fehlenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen - die fehlende Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen. Gleiches gilt leider für die Hochschulen. Wir haben nach wie vor die ältesten Studenten Europas! 29 Jahre ist inzwischen das durchschnittl. Abgangsalter. Unsere europäischen Partner schaffen es 4-5 Jahre früher! Viel zu viele brechen ihr Studium frühzeitig ab, in Fächern wie Mathematik oder Informatik bis zu 60%. Das ist eine Verschwendung von Lebenszeit der jungen Menschen.
III. Was ist zu tun?
Wir sollten vor allem PISA nicht isoliert betrachten. Es heißt, der Teufel steckt im Detail, ich glaube manchmal, er steckt eher in den Grundsätzen ! Wir brauchen einen grundsätzlichen Neustart unseres Bildungssystems. Es hilft nicht weiter, eine Debatte darüber zu führen, wer in Deutschland unter den Schlechten der Beste ist. Unser Maßstab müssen wieder die besten Bildungssysteme der Welt sein.
Und diese haben sehr einfache Regeln:
- Sie fangen früh an! Der Glaubensstreit, den wir uns leisten ob ein Kind spielen oder vielleicht doch etwas lernen sollte, gibt es dort nicht. Das betrifft Kindergarten und Einschulung!
- Sie setzen auf Exzellenz und Leistung. Bei uns steht die Breitenbildung im Vordergrund, wobei aus meiner Sicht das Gleichheitsprinzip oft mit Gleichmacherei verwechselt wird. Die Alltagserfahrung zeigt, dass nicht alle Menschen mit gleichen Begabungen gesegnet sind. Die richtige Konsequenz wäre, ungleiche Menschen auch ungleich zu behandeln.
- Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Steigerung der Mittel für die individuelle Förderung unserer Kinder. Und zwar für beide Seiten der Palette, die Hoch- und die weniger Begabten. Die hochgelobten Schulen Skandinaviens haben ihren Spitzenplatz nicht, weil sie Schüler gesamtschulähnlich unterrichten, sondern weil sie jeden Schüler individuell fördern und fordern können. Im Oktober kam eine neue OECD-Studie heraus, die für Deutschland ergab, dass nur 41 % der 15jährigen Schüler bei uns das Gefühl haben, die Lehrer würden sich für ihren Lernfortschritt interessieren. In Irland, Portugal, Großbritannien fühlen sich über 70% bei ihren Lehrern gut aufgehoben. Nur Korea, Italien und Polen schneiden schlechter ab als Deutschland.
- Volle Personal- und Budgetautonomie unserer Bildungseinrichtungen, von der Schule bis zur Hochschule. Weg mit der Ministerialbürokratie, hin zu mehr leistungsförderndem Wettbewerb !
- Schluss mit der Verbeamtung unserer Bildungsanbieter. Wer Leistung will, muss sie auch leistungsgerecht bezahlen können und wer Minderleistung abstrafen will, muss in der Lage sein, dies auch zu tun!
- Wir müssen den Mut haben, Schulen und Hochschulen über Zielvereinbarungen und Qualitätsstandards zu steuern. Nicht der Weg zum Ziel ist entscheidend, sondern das Ziel selbst!
- Aber wir müssen auch die Organisationskraft aufbringen, diese Vereinbarungen extern zu überprüfen. Und zwar mehrmals: in der Grundschule und nach der 9. Klasse. Ein zentrales Abitur ist nicht die Lösung: vorher werden die Fehler gemacht!
- Bildung ist nicht zwangsläufig ein öffentliches Gut, das im Sinne der Daseinsvorsorge vom Staat kostenfrei zur Verfügung gestellt werden muss.
Kostenfreiheit heißt für das deutsche Bildungssystem: Verzicht auf privates Geld, Unterfinanzierung durch notleidende öffentliche Haushalte und Strangulierung durch bürokratische Vorgaben. Und es heißt auch, dass wir nach wie vor auf dem ständig wachsendem internationalen Bildungsmarkt nicht wettbewerbsfähig sind. Z.Zt. diskutieren wir im Bundestag die GATS-Bestimmungen für den Bildungsmarkt. Und wieder ist die Angst vor der Liberalisierung größer als die Bereitschaft, die Chancen für unsere Bildungslandschaft zu sehen. Der globale Bildungsmarkt ist längst keine Schimäre mehr: die US-amerikanischen Einnahmen beim Handel mit Bildungsdienstleistungen beliefen sich im Jahr 2000 auf 10 Mrd. Dollar. Das ist der 5. Rang unter den Dienstleistungsexporten der USA! Bildungsexport ist ein Wirtschaftsfaktor und Bildungsimport die Chance durch mehr Wettbewerb auch unser eigenes Angebot schnell zugunsten unserer Kinder zu verbessern!
Dies sind die Grundsätze, nach denen sich meiner Meinung nach unser Bildungssystem ausrichten muss. Ein paar Worte möchte ich aber doch auch zu den Details sagen. Auch deshalb, damit Sie sehen, welch riesige Brocken in diesem föderalen Staat bewegt werden müssen, damit sich endlich etwas bewegt!
IV.
Föderale Vielfalt im Bildungswesen ist richtig. Niemand sollte der Vorstellung nachrennen, man könne 35.000 Schulen in Deutschland von Berlin aus gerecht werden. Aber was wir heute haben ist ja nicht Wettbewerbsföderalismus, sondern bürokratischer Zentralismus und zwar 16 Mal!
Sehen Sie sich nur das Beispiel Ganztagsschulen an. Die Bundesregierung hat für 2003-2007 ein Programm von insgesamt 4 Mrd. € aufgelegt, mit dem die Einrichtung von Ganztagsschulen gefördert werden soll. Die FDP begrüßt dies grundsätzlich, nicht weil wir der Meinung wären, Ganztagsschulen seien die Lösung unserer Bildungsmisere. Aber wir sind sehr definitiv der Meinung, dass in einer Welt, in der über 50% unserer jungen Frauen arbeiten wollen, dies auch organisatorisch möglich sein soll. Nicht als Zwang, aber als Angebot.
Aber was machen die Länder daraus ? Sie nutzen die Gelegenheit zu einem vielstimmigen Chor der Kritik und des gemächlichen Nachdenkens über Verwaltungsvereinbarungen.
Das ist das, was ich eben bei GATS meinte, der Druck im Topf ist offenbar nach wie vor nicht groß genug. Die berühmt berüchtigte KMK bewegt sich mit der Langsamkeit einer Schnecke. Anfang Dezember hat die KMK ihre 300. Sitzung gefeiert. Auch dies ein fragwürdiges Jubiläum, denn dieses Gremium ist aufgrund seiner Reformunfähigkeit zu einem erheblichen Teil für die Misere unseres Bildungssystems verantwortlich. Es gilt nach wie vor das Prinzip der Einstimmigkeit und d.h.: der langsamste bestimmt das Tempo und ist ganz offensichtlich stolz darauf, dass die Schnellen an ihm vorbei müssen! Das kann weh tun,-, eine der wenigen gemeinsamen Aktionen nach PISA war z.B. der Versuch, einheitliche Qualitätsstandards für Schulen zu vereinbaren. Nach ½ jähriger Diskussion über Sinn und Zweck, hat man sich nun vorgenommen bis 2004 zu Potte zu kommen. Das kann nicht sein, denn bis sie in den Schulen umgesetzt werden, werden erneut fünf Jahre vergehen. Bis dahin,-, gibt es bereits 2 weitere PISA-Studien.
Streitig ist seit nunmehr einem Jahr auch, wer für die Datenerhebung für eine nationale Bildungsberichterstattung zuständig sein soll, Bund oder Länder. Hier ist allerdings der Bund noch schläfriger als die KMK. Im Dezember hatten die Länder ihre Position endlich formuliert, während der Bund gerade erst eine Arbeitsgruppe eingesetzt hatte, die sich an das Thema herantastet.
Hinzu kommt die Unfähigkeit der meisten Länder, die erforderlichen Mittel bereit zu stellen, um zumindest die Grundvoraussetzung einer Verbesserung unseres Bildungssystems, eine ausreichende Lehrerversorgung, zu schaffen.
Ich gebe zu, ich habe angesichts dieser Lage hohe Sympathien für die jetzt aufkommende Diskussion zur Länderfusion. Wir leisten uns 16 Länder, deren Finanzen allesamt notleidend sind, während wir gleichzeitig die Synergieeffekte einer Zusammenlegung völlig außen vor lassen.
Auf diese Weise sind die Haushaltsentwürfe 2003 der meisten Landesregierung absolut nicht PISA-gerecht. So sind z.B. in NRW 1329 zusätzlichen Lehrerstellen gut, aber nicht ausreichend. Denn: 670 dieser Stellen sind für die Zusatzaufgabe "Englisch in der Grundschule" und die restlichen 559 Stellen für den Anstieg der Schülerzahlen vorgesehen. Berücksichtigt man zudem die Kürzung um 30 Mio. € im Programm "Geld statt Stellen", so ist sogar ein Minus bei der Unterrichtsversorgung in NRW zu verzeichnen.
Schließlich sollen auch noch die verbliebenen 810 NRW-Schulkindergärten, in denen 13.700 entwicklungsverzögerte Kinder betreut werden, ab 2004 aufgelöst und in die Grundschule integriert werden. Damit kommt auf die Grundschulen eine zusätzliche Aufgabe zu, die bei Klassenstärken mit bis zu 30 Kindern bei einer anhaltend unzureichenden Lehrerversorgung nicht zu erfüllen sein wird.
Die Schulpauschale für die Kommunen wird um 80 Mio. € gekürzt. Und dies, obwohl der Sanierungsstau an den NRW-Schulen über 6 Mio. € betragen soll.
Diese Art der Bildungsfinanzierung reicht vorne und hinten nicht. Einen wirklichen Sprung nach vorne werden wir nur machen, wenn Bund, Länder und Gemeinden klare Priorität für die Bildungshaushalte geben. Der natürliche Feind des Bildungspolitikers sind die Finanzminister !
Das heißt aber auch stringenter Abbau von Subventionen, Beseitigung bürokratischer Moloche bis hin zur Abschaffung ganzer Ministerien. Wir brauchen z.B. in NRW - auch wenn Fr, Kraft dieses nicht gerne hört - kein Wissenschaftsministerium, wenn wir endlich den Universität die Autonomie geben, die international inzwischen eine Selbstverständlichkeit ist.
V.
Lassen Sie mich an dieser Stelle auch etwas zu unseren Universitäten sagen. Sie sind ein Opfer der notleidenden öffentlichen Kassen. Das wird keiner bestreiten, der z.Zt. mit deutschen Hochschulen in Berührung kommt.
Aber sie sind auch ein Opfer unseres Systems. "Die Entfesselung der Hochschulen" so hat die Bertelsmann-Stiftung einmal das Ziel deutscher Bildungspolitik Anfang der 90er Jahre formuliert. Auch damals war die Debattierkunst hoch entwickelt, und genau wie nach PISA hat sich wenig bewegt. Wo stehen wir heute?
Unter den 20 besten Unis der Welt ist keine deutsche mehr. Als Peter Glotz dies Mitte der 90er behauptete, gab es keinen Widerspruch. Sein Befund brachte nach 25 Jahren Hochschulreform Ernüchterung. Es war nicht so plötzlich wie bei PISA, aber nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch: das Land der Dichter, Denker und zahlreicher Nobelpreisträger ist nicht mehr in der Spitzengruppe!
Nun ist es nicht so, dass es heute keine deutschen Nobelpreisträger mehr gibt: 1998 errang Horst Störmer den der Physik, 99 siegte Günther Blobel in der Medizin, 2000 und 2001 Herbert Krömer und Wolfgang Ketterle erneut in der Physik. Alle haben in Deutschland studiert und promoviert. Aber als sie den Nobelpreis bekamen, lebten sie in Cambridge, Santa Barbara und New York. Sie waren amerikanische Forscher geworden. Die Attraktivität deutscher Hochschulen hat dramatisch nachgelassen. Der Humus für Spitzenforschung ist an den deutschen Universität eben nicht mehr vergleichbar mit dem Ausland.
Das ist eine Entwicklung, die keiner in diesem Lande verantworten kann. "Die naturwissenschaftliche Forschung bildet immer den sicheren Boden des technischen Fortschritts, und die Industrie eines Landes wird niemals eine leitende Stellung erwerben und sich selbst erhalten, wenn das Land nicht gleichzeitig an der Spitze der naturwissenschaftlichen Forschung steht." (Werner v. Siemens)
Ein Industrieland wie Deutschland braucht die Wissenschaft wie die Luft zum Atmen. Es ist deshalb einer der wichtigsten Aufgaben der Bildungspolitik, den Wissenschaft-Standort Deutschland wieder zu dem zu machen, was er bis zum 2. Weltkrieg noch war.
Das wird nur mit grundlegenden Reformen möglich sein.
- Wir müssen weg von unserem verkrusteten Hochschuldienstrecht und beamtenmäßigen Strukturen in den Forschungsorganisationen. Wir brauchen endlich einen Wissenschaftstarifvertrag, mit dem wir so flexibel wären, Spitzenwissenschaftlern auch Spitzengehälter zahlen zu können.
- Wir brauchen eine Neuregelung der befristeten Beschäftigungsverhältnisse. Warum soll nicht ein Wissenschaftler, der aus Drittmitteln seine Stelle selbst finanziert, dies auch länger als 12 Jahre tun können.
Wir sehen heute, dass viele dieser zwangsausgeschiedenen Wissenschaftler versuchen, in den Lehrerberuf wechseln wollen, was z.T. zu grotesken Situationen führt. Mir ist z.B. ein Fall eines Althistorikers bekannt, der - um Geschichtslehrer zu werden - eine Prüfung ablegen soll, und das Thema in Alte Geschichte frei wählen darf. Das bedeutet: der Historiker kann sich über seine eigenen Bücher prüfen lassen.
- Wir müssen endlich das Kinderlandverschickungssystem der ZVS beenden. Wir wollen über Bildungsschecks die Voraussetzungen schaffen, daß sich Studierende ihre Uni selbst aussuchen können. Umgekehrt müssen auch viel mehr Hochschulen als bisher durch Eingangstests sich ihre Studierenden aussuchen dürfen. So entsteht Wettbewerb, der sich positiv auf die Qualität auswirkt.
- Die deutschen Hochschulen sind dramatisch unterfinanziert. Wenn wir z.B. den Vergleich mit den amerikanischen Hochschulen machen - nicht die Spitzenunis, sondern das Mittelfeld -, dann wird es ganz deutlich. Die University of Maryland hat 30.000 Studierende und bekommt 1,7 Mrd. DM, die Uni Illinois hat 30.000 Studierende und bekommt 1,9 Mrd. DM. Die Uni Hannover hat auch 30.000 Studierende und bekommt 595 Mio. DM. So sehen die Relationen aus.
Gegenwärtig erleben wir, wie das Thema "Beteiligung der Studierenden an den Kosten der Lehre" in eine Sackgasse gefahren wird. Einige Länder haben Studiengebühren für Langzeitstudenten eingeführt, die jedoch das Finanzproblem nicht lösen und sozial nicht differenziert sind. Wir werden nicht darum herumkommen, Studiengebühren auch für das Erststudium zu nehmen - als nachlaufende Studiengebühr, sozial ausgestaltet und mit einem hohen Anteil an Stipendien für Begabte. Je eher wir uns freimachen von der Illusion der Kostenlosigkeit der Bildung, desto besser. Es ist doch nicht zu vermitteln, dass für den Kindergarten hohe Gebühren zu zahlen sind, aber das Studium kostenfrei ist.
- Allerdings bin ich mir genauso bewußt, dass die Finanztöpfe in Zukunft noch weniger gefüllt sein werden. Deshalb können wir uns Verschwendung nicht leisten.
Ich will deshalb eine umfassende Wirtschaftlichkeitskontrolle für den Hochschulbau. Die Bundesregierung hat von 1970 bis 2000 insgesamt 41 Mrd. € für den Hochschulbau aufgewendet: Wirtschaftlichkeitskontrolle Null.
VI.
Abschließend: PISA hat uns die Mängel unseres Bildungssystems vor Augen geführt. Was für die Schule gilt, gilt leider auch für Hochschule, berufliche Bildung und Forschung. Wir haben zwei Alternativen: Entweder wir machen so weiter wie bisher: bürokratisch, verregelt, staatsorientiert, mit geringeren finanziellen Mitteln als unsere Mitbewerber und mit Skepsis gegenüber Wettbewerb und hohen Qualitätsanforderungen. Oder wir können den liberalen Weg gehen: Höhere Anforderungen an Leistung und Qualität, weniger auf den Staat setzen und mehr auf Autonomie und Eigenverantwortung, Verlagerung der Finanzmittel von unproduktiven Bereichen wie der Kohleförderung auf die Rohstoffe der Zukunft: die Bildung unserer jungen Menschen. Das ist der Scheideweg, vor dem wir stehen. Unser Weg ist unbequemer und erfordert eigenes Denken und Handeln.
Mit Mut und Zuversicht können wir es aber schaffen , nur wir sollten es endlich angehen
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